Während die Massenfertigung im Kraftwagenbau schon
verhältnismäßig früh einsetzte, musste die Flugzeugindustrie
die Fertigung der bewährten Baumuster in Großserien -
abgesehen von einigen Anläufen in den frühen Jahren - im
allgemeinen innerhalb kürzester Zeit aufbauen (Alle Grafiken
auf dieser Seite stellen die Entwicklungsstufen im Reihenbau
dar). Es lag nahe, dafür nach Vorbildern in der Technik zu
suchen und dabei an den Kraftwagenbau zu denken. Wenn sich,
daher auch Flugzeug- und Kraftwagenbau rein äußerlich
ähnlich sein mögen, so können sie doch nicht ohne weiteres
miteinander verglichen werden. Ein Flugzeug ist nach
metallurgischen, aerodynamischen, dynamischen, statischen,
fertigungstechnischen und militärischen Gesichtspunkten
gebaut und vereinigt so wie wohl kaum ein anderes
technisches Erzeugnis fast alle Zweige neuzeitlicher
Ingenieurkunst in sich. Aber während der Kraftwagen z.B.
auch ohne Arbeit des Motors von der Erde getragen wird muss,
um das Flugzeug in der Luft auf gleicher Höhe zu erhalten,
ständig Energie aufgewandt werden. Doch zunächst in
folgender Zusammenstellung, die Beschäftigen in der
deutschen Flugzeugindustrie (leider unvollständig, da
fehlender Quellen):
| Hersteller |
1935 |
1938/39 |
1944/45 |
| Junkers Motoren- und Flugzeugwerke |
9500 |
25.000 |
165.000 |
| Dornier
|
7.000 |
14.100 |
22.000 |
| Heinkel
|
7.600 |
18.300 |
50.000 |
| Focke-Wulf
|
3.200 |
35.000 |
40.000 |
| Weserflug
|
? |
10.000 |
30.000 |
| Blohm und Voss |
? |
3.300 |
5.500 |
| Messerschmitt |
? |
27.300 |
44.000 |
| Arado |
? |
14.100 |
31.000 |
| Fieseler |
? |
? |
? |
| Henschel |
? |
3700 |
8900 |
| Siebel |
? |
? |
? |
| Gotha |
? |
? |
? |
| Klemm |
? |
? |
? |
|
 |
 |
|
 |
 |
| Motorflugzeuge
in Serienfertigung |
 |
 |
 |
Den
motortechnischen Fragen kommt daher im Flugzeugbau eine bedeutend größere Rolle zu als
im Kraftwagenbau. Daher sind die Anforderungen an die Zuverlässigkeit des Triebwerkes und
damit auch an dessen Herstellung bedeutend höhere. Außerdem arbeitet der Flugmotorenbau
mit höchsten Grenzwerten, wie sie wohl sonst kaum in der Technik gefordert werden: der
Motor eines Personenkraftwagens verfügte damals höchstens über 120 PS, die Flugmotoren
dagegen hatten die 1000 PS Grenze längst überschritten. Flugzeug und Flugmotor stellen
daher ebenso komplizierte wie empfindliche Organismen dar, die ihren eigenen Gesetzen
folgen und für ihre Herstellung Vorrichtungen, Fertigungsverfahren, Meßmethoden und
Hilfsmittel erfordern, für die es in, der Technik kaum Vorbilder gibt. Nirgendwo sonst
muss wie hier jedes Einzelteil bei kleinstmöglichen Dimensionen und geringstem Gewicht
hohen und höchsten Kräften gewachsen sein, müssen Passungen und Toleranzen von
höchsten Gütegraden eingehalten werden. Jeder hervorgestandene Niet, jede Unebenheit in
der Beplankung kann im Fluge aerodynamisch ungünstige Folgen haben und die Leistungen
beeinflussen.
Ist so der
Bau schon eines einzelnen Flugzeuges mit im Kraftwagenbau unbekannten Bedingungen und
Schwierigkeiten verbunden, so muss man es als eine der größten Leistungen deutscher
Organisationskunst bezeichnen, derart komplizierte und empfindliche technische Erzeugnisse
für die Großreihenfertigung reif gemacht zu haben. Dieser Großreihenfertigung liegt ein
System zugrunde, das sowohl stückzahlmäßig als auch zeitlich nach genau festgelegten
Planungen arbeitet und bei kürzestem Durchlauf des Werkstoffs und gleichzeitiger
kleinster Rauminanspruchnahme eine möglichst große Ausbringungsstückzahl und damit die
wirtschaftlichste Erzeugung gewährleistet. An der Entwicklung dieses Systems, als
'Taktverfahren' bezeichnet, haben die Junkers-Werke entscheidenden Anteil. Die
außerordentlich große Bedeutung dieses 'Taktverfahrens' für die deutsche Luftrüstung
dürfte einen kurzen Überblick über seine geschichtliche Entwicklung
rechtfertigen. In den Anfängen des Flugzeugbaues gab es noch keine fertigungstechnischen
Probleme. Im Vordergrund standen damals vor allem die Gesichtspunkte der Aerodynamik und
der Statik, kurz, die Sorge, ob die Flugzeuge überhaupt flogen und ob sie
festigkeitsmäßig den gestellten Anforderungen gewachsen waren. Die Methoden der
Fertigung waren dagegen noch rein handwerklich, äußerst primitiv und unentwickelt, der
Begriff 'Massenfertigung' noch völlig unbekannt. Erst der 1.Weltkrieg stellte die
deutsche Flugzeugindustrie zum ersten Male vor die Aufgabe, bestimmte Muster für den
Reihenbau reif zu machen und diesen dann durchzuführen.
In den
Jahren 1917/18 wurde bei den Junkers-Werken das Muster J 4, ein gepanzertes
Infanterieflugzeug, in Reihen gebaut. Dieser Reihenbau wurde damals erstmalig durch die
Unterteilung der Fertigung in einzelne Baugruppen sowie durch die Heranziehung fremder
Industriezweige für den Einzelteilbau und die erste Verwendung von Baulehren und
Vorrichtungen nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten organisiert. Wenn die zu jener Zeit
gebauten Serien auch nach damaligen Maßstäben nicht allzu groß waren, so konnte Junkers
auf diese Weise doch schon ziemlich früh die für die weitere Arbeit erforderlichen
Erkenntnisse in der Fertigung hereinholen. Das von Junkers in den Jahren 1919/20 und
später gebaute Muster F 13, das erste reine Verkehrsflugzeug der Welt, war dann berufen,
erste Anregungen zur Rationalisierung des Großreihenbaues von Flugzeugen zu geben. Gerade
dieses Muster war - weit vorausschauend - in seinen konstruktiven Anlagen geradezu für
den Reihenbau geschaffen. Aus allen Erdteilen kamen dann auch Aufträge auf dieses Muster,
mit dessen Einsatz der damalige Weltluftverkehr begann. Junkers musste also die F 13 in
größeren Serien herstellen, und zwar zeitweise bis zu 60 Stück im Monat. Diese
Fabrikation, die damals zweifellos eine Großfertigung war, wurde nach einem so genannten
'Baumusterplan' gestaltet, mit dessen Hilfe es möglich war, in genau festgesetzten
Zeitabschnitten eine festgesetzte Anzahl von Flugzeugen herauszubringen.
Zu diesem
Zwecke wurde die Aufteilung der Arbeitsvorgänge mit Zeitbestimmung recht weitgehend
organisiert. Die Endmontage z.B. war in sechs Phasen gegliedert und wurde an sechs
Arbeitsstellen mit festen Baugerüsten durchgeführt. An jeder dieser Stellen arbeitete
jeweils eine mit einer ganz bestimmten Arbeit beschäftigte Kolonne. Nach Erledigung
dieser Arbeit, d.h. nach einer bestimmten Zeit, der so genannten 'Fortschrittszeit',
wechselte die Kolonne zur nächsten Arbeitsstelle hinüber, um dort wieder die gleiche
Arbeit auszuführen. Die in der Montage befindlichen Flugzeuge dagegen blieben an Ort und
Stelle stehen. Wir haben also bereits hier die Tatsache einer weitgehenden Arbeitsteilung,
bei der Spezialkolonnen jeweils immer nur ein bestimmtes Teilpensum der Montage an jedem
Flugzeug zu verrichten hatten. Diese Methode hatte also bereits weitgehende Ähnlichkeit
mit der heutigen fließenden Flugzeugfertigung nach dem damaligen Taktverfahren. Mit ihrer
Hilfe war es damals möglich, alle 9 Stunden ein fertiges, einsatzfähiges Flugzeug
herauszubringen. Fertigungstechnisch konnten dabei große Erfahrungen gesammelt werden.
Die für die damalige Zeit bedeutende Aufgabe eines Reihenbaues konnte außerdem so straff
organisiert werden, dass dem Werk noch genügend Möglichkeiten zur Entwicklung neuer
Flugzeugmuster blieben. Diese Methoden der Fertigung, die von Jahr zu Jahr verbessert und
ergänzt wurden, standen im Bereich des vielfältigen Junkers-Konzerns nicht vereinzelt
da.
Eine
Nebenproduktion von Apparaten und Geräten war um das Jahr 1926 bereits so fortentwickelt,
dass sie mit Hilfe von Fließbändern, die in einem bestimmten zeitlichen Rhythmus
weiterliefen, durchgeführt werden konnte. Hierbei finden wir auch im Bereich des
Junkers-Konzerns zum ersten Male die einzelnen Stufen dieser uhrwerkmäßigen Fertigung
als 'Takte' bezeichnet. Von hieraus fand diese Bezeichnung später Eingang in den
Junkers-Flugzeugbau. Dieser hatte inzwischen den Reihenbau des Musters Junkers W 33/34
aufgenommen, mit dem bekanntlich 1928 der erste Ozeanflug in Ost- West Richtung
durchgeführt wurde. In den USA zeigte man sich damals nicht abgeneigt, dieses Muster in
Großreihe in Lizenz zu nehmen. Zur Vorbereitung dieser in Amerika zu erwartenden
Massenfertigung der Junkers W 33/34 wurde von Junkers noch im gleiche Jahre ein allen
damalige Anforderungen entsprechendes 'Programm' ausgearbeitet und entwickelt, das im
wesentlichen bereits alle Merkmale der Großreihenfertigung trug. Wie es schon immer eine
Eigenart der Junkers-Werke gewesen war, nicht bloß zu bauen, sondern im großen Umfange
auch Forschung zu betreiben, so wurden hierbei die wirtschaftlichsten Methoden der Planung
und Fertigung fast wirtschaftlich erforscht und festgelegt.
So wurden
wertvolle Vorarbeiten geleistet, die später als Grundlagen für die mit der deutschen
Aufrüstung verbundenen Massenfertigung dienen konnten und schließlich zum
'Taktverfahren', dem Reihenbau in höchster Vollendung, führten. Als Junkers einige Jahre
später die Ju 52/3m herausbrachte und dieses Muster von der Lufthansa in größeren
Stückzahlen in Auftrag bekam, konnte .bei der Fertigung auf die schon im F
13-Baumusterplan grundgelegte Methode aufgebaut werden, die lediglich dem
fortgeschrittenen Stand der Technik angepasst zu werden brauchte. Denn inzwischen hatte
die Entwicklung der Flugzeuge ungeahnte Fortschritte gemacht. Aus verhältnismäßig
einfachen Bauobjekten waren hochgezüchtete Maschinen geworden, die im Aufbau von Zelle,
Triebwerk und der Vielzahl der Einbauten an die Beherrschung und Organisation einer
wirtschaftlichen Fertigung noch kompliziertere und schwierigere Anforderungen stellten.
Als schließlich nach der Machtergreifung die deutsche Luftfahrtindustrie vor die bisher
ungekannte Aufgabe: 'Flugzeuge in Großserien-Massenfertigung' gestellt wurde, konnten die
Junkers-Werke, daher als Grundlage hierfür einen reichen Schatz an Vorarbeiten und
Erfahrungen mitbringen. Die in Auftrag gegebenen Großserien machten es nötig, das bisher
von Junkers entwickelte Fertigungsverfahren, das man 'Takten' nannte, noch besser und
wirtschaftlicher zu gestalten und neue Einrichtungen für, den Serienbau zu entwickeln.
Das
Junkers-Fertigungsverfahren sah nunmehr so aus: Die großen Bauteile und das Flugzeug
selbst werden in der fließenden Fertigung über eine 'Taktstraße' durch hintereinander
geschaltete Arbeitsplätze bewegt. Bei jedem Arbeitsplatz muss nach einem festgelegten
Arbeitsplan in einer festumrissenen Zeit, der 'Taktdauer', eine Vielzahl von
Arbeitsgängen an dem jeweiligen Bauteil erledigt sein. Am neuen Arbeitsplatz übernimmt
die neue Gruppe dasselbe Werkstück und bringt es seiner Fertigstellung wieder einen ganz
bestimmten Schritt näher. So entsteht durch die Wanderung der Bauteile innerhalb einer
plan bestimmten Zeit die 'Flugzeug-Großreihenfertigung auf die Minute'. Durch Lockerung
oder Verdichtung des Taktrhythmus ist es möglich, die zahlenmäßige Herstellung der
Maschinen zu regulieren - je nach Bedarf und Anforderung der Auftraggeber. Mit diesem
Verfahren hat Junkers außerordentliche Erfolge erzielt, die sich vor allem in der
Wirtschaftlichkeit der Fertigung und der Erhöhung des Bautempos, in der Verringerung der
Durchlaufzeiten und der durchgreifenden Erziehung der Belegschaft zur höchsten
Termintreue und Qualitätsarbeit ausgewirkt haben. Selbstverständlich sind immer wieder
konstruktive, betriebliche und organisatorische Verfeinerungen durchgeführt worden.
Sämtliche Werke des Junkers-Konzerns sowie alle größeren Werke der übrigen
Luftfahrtindustrie arbeiteten in sich und auch untereinander nach diesem 'Taktverfahren'
und gewährleisten damit diejenige Großreihenfertigung von Flugzeugen, Flugmotoren und
Luftschrauben, die die deutsche Luftwaffe für ihren Einsatz brauchte.
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